Hauptweg und Nebenwege
Sat 08. Sep 2012 - Sat 20. Oct 2012
Press Release
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Michael Sailstorfer
Hauptweg und Nebenwege
8. September – 20. Oktober 2012
Eröffnung: 7. September 2012, 18 - 21 Uhr
Johann König, Berlin freut sich mit „Hauptweg und Nebenwege“, die vierte Einzelausstellung Michael Sailtorfers in der Galerie zu präsentieren und erstmals Gemälde des Künstlers zu zeigen, die in den Jahren 2010 bis 2012 entstanden sind.
Sailstorfers Arbeiten basieren auf einfachen, nachvollziehbaren Grundstrukturen. Oft geht es um das menschliche Streben als Selbstbeschäftigung und Artikulation, um die Notwendigkeit, Spuren zu hinterlassen.
In der momentan in der Berlinischen Galerie präsentierten Installation „Forst“ (2010) nehmen fünf über Kopf aufgehängte und sich langsam drehende Bäume die gesamte, zehn Meter hohe Ausstellungshalle ein. Sailstorfer holt die Natur in den Ausstellungsraum und erobert gleichzeitig mit dem Werk „Schwarzwald“ (2010), in dem er in einem Waldstück ein quadratisches Feld schwarz bemalt und dessen natürliche Zersetzung mit einer Videokamera in den Ausstellungsraum überträgt, künstlerischen Raum in der Wildnis.
In Arbeiten wie „Zeit ist keine Autobahn“ (2005 bis 2012), in der Autoreifen an der Wand laufen und sich abreiben, ohne dabei vorwärts zu kommen, beschäftigt sich der Künstler mit den zentralen Seinszuständen im künstlerischen Streben.
So wie er in „Sternschnuppe“ (2002) mithilfe einer Installation aus einem Mercedes W123 mit Katapultfunktion und eingespannter Straßenlaterne sogar das Erscheinen eines Sterns am Himmel selbst in die Hand nimmt, entpuppt sich Sailstorfer auch in seinen neuesten Werken als praktischer Träumer, mit dem Wunsch nach der Möglichkeit, das Leben selbst zu steuern, zumindest zu überwachen.
In „Maze“, großformatigen Bildern von Labyrinthen, in denen die Aus-, Um- oder Lösungswege mit dem schnellen, gestischen Strich einer Sprühdose markiert sind, geht es in der (Sprühdosen-)Spur des Künstlers um grundlegende Themen des Daseins als Individuum. Das Labyrinth in seiner barocken Interpretation als Irrgarten, in welchem man sich als Suchender verlieren bzw. die Erfahrung des Orientierungsverlustes machen soll, als Symbol der Welt oder des Lebens. Durch die zweidimensionale Darstellung verschafft sich der Künstler einen Überblick - wo er steht, welchen Weg er geht, wo er Fehler macht, ob er ankommt. Bei der Durchquerung der Darstellung mit der Sprühdose erlebt er schnelle Erfolge, aber auch Blockaden, Fehltritte, manchmal bis ins komplette Scheitern, als Teile des Prozesses, der Suche nach dem ’richtigen’ Weg, auf dem sich der dicke selbstbewusste Strich auch mal in eine zarte Linie auflöst. Sailstorfer verwendet auf den weißen oder kupferbeschichteten Leinwänden ausschließlich Schwarz und flirrendes Neon, wodurch sich die Bilder stark von der Wand abheben. Es entsteht eine Objekthaftigkeit und entsprechende Präsenz im Raum, ähnlich wie bei den ZERO-Künstlern der 60er Jahre.
Vom Labyrinth wird einerseits als von einer „ornamentalen Struktur" gesprochen, andererseits ist es metaphorisch zu verstehen, als das „Überwuchern des Parergonalen über das Ergonale“ (Gérard Raulet). Außerdem steht es für die ultimative Idee eines begehbaren, erfahrbaren bildhauerischen Werks. Das Labyrinth löst instinktive Suchbewegungen aus, im Dreidimensionalen wird meist unmittelbar mit einer Orientierung im Raum begonnen, bei der Betrachtung eines zweidimensionalen Labyrinths machen sich die Augen auf die Suche nach einem Weg hindurch. Sailstorfer kommt dem jedoch zuvor, zu sehen ist ein bereits gelöstes Rätsel, ein entmystifiziertes Labyrinth – und der entsprechende Prozess.
Er bezieht sich dabei auch auf Franz Xaver Baiers phänomenologischen Blick auf Architektur und Leben, es geht ihm um die Idee des persönlichen Erlebens von Raum, sowie um den Moment, in dem sich eine Person, ein Charakter über seine physische Architektur hinaus ausbreitet, von Sailstorfer als „Verbindung zwischen der harten physischen Architektur und der weichen menschlichen Architektur“ bezeichnet.
In der aktuellen Ausstellung zeigt der Künstler neben den „Maze“-Gemälden ein dreidimensionales Wandbild aus der Werkgruppe „Lenkrad“ (2012): ein an die Wand montiertes PKW-Lenkrad, aus Styropor geschnitzt und anschließend in Aluminium gegossen, das in seiner Form Bewegung und Wegstrecke impliziert. Rechts, links, geradeaus, egal - die Fahrt scheint ins Ungewisse zu führen, in die Weite und zugleich gegen die Wand. Die Arbeit lässt den Ausgang der Reise offen, beschränkt sich auf den Prozess der Bewegung, des Fahrens.
Erkennbar werden die Euphorie innerhalb des Prozesses und die Melancholie im Moment des Erreichens des Zieles. In der statt im All auf dem heimatlichen bayerischen Rasen endenden Straßenlaternensternschnuppe, dem vergänglichen Resultat von „Schwarzwald“ oder den Orientierungsversuchen in den „Maze“-Gemälden vereinen sich Sehnsucht, Utopie und Tragik. So stehen auch die neuen, zweidimensionalen Arbeiten des den klassischen Begriff der Bildhauerei permanent befragenden und erweiternden Bildhauers für dessen methodische Stärke, die einfache Umsetzung einer einfachen Idee mit einfachen Mitteln, einem präzisen formalen Anspruch - und außergewöhnlicher Poesie.
Michael Sailstorfer (*1979 Velden/Vils) studierte bei Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste in München und am Goldsmiths College in London. Einzelausstellungen seiner Werke waren u. a. zu sehen in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (2008), der Kestnergesellschaft Hannover (2010/11), dem S.M.A.K. in Gent (2011), der Kunsthalle Nürnberg (2011) und der Berlinischen Galerie (2012). Sailstorfer lebt und arbeitet in Berlin.
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Michael Sailstorfer
Hauptweg und Nebenwege
September 8 – Oktober 20, 2012
Opening reception: September 7, 2012, 6 – 9 pm
Johann König, Berlin is delighted to present "Hauptweg und Nebenwege" [Highway and Byways], the fourth solo exhibition of the artist to be hosted in the Gallery and the first viewing of paintings created by the artist in the years 2010 to 2012.
Sailstorfer’s works are based on a fundament of straightforward, understandable structures. Often they are concerned with human endeavour as self-driven activity and articulation, with the human necessity of leaving traces.
In the installation "Forst" ["Forest"] (2010) currently on display in the Berlinische Galerie, five trees, hung upside down and slowly turning on their own axes, take up the entire, ten-metre-high exhibition hall. Sailstorfer thus brings Nature into the exhibition space while at the same time, in his work "Schwarzwald"["Black Forest"] (2010) – for which he paints a square area of forest land black and transmits its natural decomposition into the exhibition hall by means of a videocam – he conquers artistic space in the wilds of Nature.
In works such as "Zeit ist keine Autobahn" ["Time is not a Motorway"] (2005 to 2012), in which car tyres rotate against a wall and wear themselves down without making any headway, the artist is concerned for the central existential conditions of artistic endeavour.
Just as in "Sternschnuppe" ["Shooting Star"] (2002), the artist deploys an installation involving a Mercedes W123 with catapult function and a street-lamp projectile already in shooting position, thus taking into his own hands the emergence of a star in the heavens, so in his latest works also Sailstorfer reveals himself to be a practically-minded dreamer, yearning for the possibility of directing life himself, or at least of watching over it.
"Maze" – large-scale pictures of labyrinths in which the exits, detours or solution-bringing paths are marked with the swift, gestural stroke of a spray-can – is concerned, in the (spray-can) trace of the artist, with fundamental themes of being alive as an individual. The labyrinth in its baroque interpretation as a maze, in which one is to lose one’s seeking self or to have the experience of a loss of bearings, of "a-mazement", as a symbol of the world or of life. The two-dimensional presentation gives the artist an overview – as to where he stands, which way he is taking, where he is in error, and whether he will arrive. In traversing the presentation with a spray-can, he experiences swift successes, but also blocked paths, ill-advised steps, sometimes total failure, as part of the process, part of the search for the "right" path, on which the thick, self-assured stroke can also dissolve into a fine line.
On his white or copper-coated canvases Sailstorfer uses exclusivley black and shimmering neon, which makes the pictures stand out strongly from the wall. The pictures take on an object-like quality and have a corresponding presence in the exhibition space, similar to the works of the ZERO artists in the 1960s.
Labyrinths are seen on the one hand as "ornamental structures", but on the other hand as something to be understood metaphorically, as "the parergonal overgrowing the ergonal" (Gérard Raulet). In addition, they stand for the nec plus ultra of a sculptural work of art that can be walked through and experienced. A labyrinth triggers instinctive quest movements: in three-dimensional form it usually initiates an immediate process of finding one’s bearings in space; when studying a two-dimensional maze, the eyes equally set out in search of some way through. Sailstorfer, however, anticipates and pre-empts this: what the beholder sees is a puzzle already solved, a maze de-mystified – and the corresponding process.
He refers here also to Franz Xaver Baier’s phenomenological take on architecture and life and is intrigued by the idea of a personal experience of space and by the moment in which a person, or character, extends out beyond his or her physical architecture – a moment described by Sailstorfer as the "conjoining of hard physical architecture and soft human architecture“.
In the current exhibition, alongside the "Maze" pictures, the artist is displaying a three-dimensional mural from the "Lenkrad" ["Steering-Wheel"] (2012) work group – a car steering-wheel, carved in polystyrene and then cast in aluminium, its form implying movement and a distance to be covered. To the right, to the left, straight on, no matter – the journey seems to be leading into uncertainty, into the far-away yonder, and at the same time up against the wall. The work leaves the journey’s outcome open, restricting itself to the process of moving, of driving.
The euphoria involved in this process and the melancholy become recognizable at the moment the destination is reached. In the street-lamp shooting star that ends up not in the universe but back home on a Bavarian lawn, in the ephemeral end-product of "Schwarzwald" or in the attempts to find bearings in the "Maze" pictures, yearning, utopia and tragedy are conjoined.
Thus the new, two-dimensional works of this sculptor, who is forever asking questions of and expanding the classic concept of sculpture, are emblematic of his methodical strength, the pure and simple realization of a pure and simple idea with pure and simple means, all with a precise formal intent – and with extraordinary poeticism.
Michael Sailstorfer (b. 1979 Velden/Vils, Bavaria) studied at the Munich Academy of Fine Arts under Olaf Metzel and at Goldsmiths College in London. Solo exhibitions (among others): Schirn Kunsthalle, Frankfurt (2008), Kestnergesellschaft, Hanover (2010/11), S.M.A.K., Ghent (2011), Kunsthalle Nürnberg (2011), Berlinische Galerie (2012). Sailstorfer lives and works in Berlin.
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