Nach Osten
Sat 27. Apr 2013 - Sun 26. May 2013

Press Release


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Alicja Kwade
Nach Osten

ST. AGNES
Alexandrinenstr. 118-121, 10969 Berlin

Laufzeit: 27.04. – 26.05.2013
Öffnungszeiten: Sa & So, 11 – 18 Uhr
Eröffnung: 26. April 2013, 18 - 24 Uhr


Präsentiert von Johann König, Berlin, verwandelt Alicja Kwade den monumentalen Kirchenraum von ST. AGNES in eine raumgreifende Licht- und Soundinstallation, die auf dem Prinzip des Foucault’schen Pendels basiert.

Am 31. März 1851 ließ der französische Physiker J. B. Léon Foucault eine Metallkugel an einem langen Draht von der Kuppel des Pariser Panthéons herunterhängen und in der Luft frei schwingen. Ziel des Experiments war es, der Zuschauermenge zu veranschaulichen, dass die Erde sich tatsächlich dreht.

Im Experiment geht das raffiniert Einfache mit dem äußerst Komplexen eine Symbiose ein. Denn: Lässt man eine schwerere Masse in einer vertikalen Ebene frei schwingen, so bleibt deren Schwingungsebene konstant. Im Panthéon kam es aber scheinbar anders – die Flugbahn der hin und her schaukelnden Eisenkugel wirkte modifiziert. Langsam, sehr langsam, beschrieb die Kugel auf dem Boden einen Kreis. Wodurch ließ sich dies erklären? Während ein Pendel konstant oszilliert, bewegt sich etwas Anderes, nämlich der Boden selbst. Das ganze Panthéon bewegte sich, Paris drehte sich – und dreht sich noch –, und wir auch. Es dreht sich die Erde! Dank dem Foucault’schen Pendel haben wir es nicht mehr nötig, in den Sternehimmel zu schauen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Wir können nunmehr “visuell erfühlen”, dass die Erde sich um ihre Achse dreht. Das renommierte Experiment veranschaulichte damit erstmals konkret ein zwar komplexes, aber uns jederzeit tangierendes Phänomen.

Wer Alicja Kwade kennt, wird nicht überrascht sein, zu erfahren, dass eine solche Apparatur sie seit längerem fesselt. Unter anderen Vorlieben zeigt sich die Künstlerin geradezu fasziniert von naturwissenschaftlichen Problemstellungen und visuellen Experimenten. Indem sie Objekte, Vorgänge und Begriffe manipuliert, setzt sie sich mit physikalischen Fragen auseinander und übersetzt sie auf unterschiedliche Art und Weise in künstlerische Themenstellungen und Belange.

Für die vorliegende Installation betrachtete Alicja Kwade das Foucault’sche Pendel – wie auch andere Elemente in ihrem bildhauerischen Oeuvre – quasi als "found item", um es dann umzuformen und umzuwandeln und dabei ein zwar auf dem historischen Prototyp basierendes, aber neues Experiment zu kreieren. Wir befinden uns also in einer ehemaligen Kirche mit hoher Decke. Beim ersten Blick lässt sich aber kaum ausmachen, was hier vor sich geht. An einem Draht hängt und schwingt statt einer Metallkugel eine Glühbirne. Sie bildet im Kirchenraum die einzige Lichtquelle, wobei ihr hypnotisierender Schatten der Schwingbewegung entsprechend an den Wänden tanzt. Es handelt sich hier um ein multisensorisches Experiment. An der Glühbirne ist ein Mikrofon angebracht, in der Finsternis der Kirche hallt das amplifizierte, irritierend-beunruhigende, durch Reibung entstandene Geräusch nach. Nach einigen Minuten nimmt man Bewegungen wahr, am auffälligsten den von der Glühbirne auf dem Boden beschriebenen Kreis. Auch hier bleibt aber die Schwingungsachse der Glühbirne dem Foucault’schen Prinzip gemäß konstant. Was sich bewegt, ist vielmehr der Boden, dabei die Rotation der Erde offenbarend.

Dadurch, dass sie das historische Experiment dramatisiert und die Metallkugel durch eine Glühbirne ersetzt, rückt Alicja Kwade die Foucault’schen Befunde wortwörtlich ins Rampenlicht. Dabei transponiert sie die Befunde auf eine neue Ebene in ihrem eigenen Universum. In diesem ungewöhnlichen Vorgang ließe sich ein zeitgemäßes Echo der "vanitas rerum" wahrnehmen: Das Licht als klassisches Symbol des Lebens, der Erkenntnis, der Energie, der Idee vollzieht sein ständiges Hin und Her, die Pendelschläge evozieren die Wiederholbarkeit der Dinge, unser Dasein bestimmen aber andere Kräfte von ungeheurer Macht. Die von der Geräuschkulisse wie vom Licht erzeugte, destabilisierende Atmosphäre erinnert uns daran, dass unsere Versuche, diese Kräfte zu ergründen, nach wie vor vergeblich sind. Es gibt eben Mysterien, die sich nicht enträtseln lassen. „Die Welt kümmert sich nicht, sie dreht sich nur“, so die Künstlerin. Der Aussage liegt eine von Alicja Kwades Obsessionen zugrunde [1]. Alles, sei es ein Atom, sei es das Universum, drehe sich um irgendetwas herum, „genauso wie wir um diese Fragestellungen kreisen.“

Eine letzte, aber entscheidende Beobachtung. Der Titel der Installation – "Nach Osten" – leitet sich von einem Spezifikum dieser Version des Foucault’schen Pendels ab. Die Glühbirne ist nämlich allzu leicht, als dass sie als richtiger Pendelkörper fungieren und in Wechselwirkung mit den Trägheitskräften treten könnte, wie in der ursprünglichen Experimentkonstellation. Deshalb wird die Schwingung hier elektronisch angetrieben, um sich gegen die Richtung der Erdrotation zu wenden und die natürliche Bewegung genauestens auszubalancieren. Je länger man sich im Kirchenraum aufhält, desto mehr nimmt man wahr, wie die Apparatur permanent kämpfen muss, um sein Gleichgewicht zu bewahren.

[1] Siehe "In Circles", Alicja Kwades letzte Einzelausstellung in der Galerie Johann König, 18. Februar – 17. März 2012


Alicja Kwade (*1979, Kattowitz, Polen) lebt und arbeitet in Berlin.
Einzelausstellungen (Auswahl): Kunstmuseen Krefeld, Haus Esters (2013); Skulpturenpark Köln (2013); Kunsthal 44 Møen, Dänemark (2012); ZKM Karlsruhe (2011); Oldenburger Kunstverein (2011) Kestner Gesellschaft, Hannover (2010); Westfälischer Kunstverein, Münster (2010); Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin (2008).
Gruppenausstellungen (Auswahl): Palazzo Strozzi Fondazione, Florenz (2013); Museum of Contemporary Art Detroit (2013); Palais de Tokyo, Paris (2012); K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (2012, 2010); CCA Wattis Institute, San Francisco (2012); KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2012); Witte de With, Rotterdam (2012); Kunstverein Hannover (2012, 2010); Bundeskunsthalle, Bonn (2010).
2008 erhielt Alicja Kwade den Piepenbrock Förderpreis für Skulptur und 2006 ein DAAD Stipendium für Warschau.


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Alicja Kwade
Nach Osten

ST. AGNES
Alexandrinenstr. 118-121, 10969 Berlin

Exhibition: 27 April – 26 May 2013
Opening hours: Sat & Sun 11 am - 6 pm
Opening: Fri, 26 April 2013, 6 pm - midnight

Presented by Johann König, Berlin, Alicja Kwade turns the monumental church space of ST. AGNES into a vast light and sound installation based on the principle of the Foucault Pendulum.

On March 31st 1851, French physicist J.B. Léon Foucault suspended a metal bob with a long wire from the dome of the Pantheon in Paris, and let it swing in the air. His aim was to make the crowd of onlookers visualize that the Earth actually spins. His experiment combines subtle simplicity and extremely complex forces. Indeed, if a heavy mass is free to swing in a vertical plane, its plane of oscillation remains fixed. Yet, rocking back and forth, the trajectory of the bob in the Pantheon seemed to be modified, the bob drew very slowly a circle on the floor. What was the explanation? While a pendulum has a stable plane of oscillation, something else is moving: the floor. The whole Pantheon was moving, Paris was rotating (and still does), and so do we: the Earth rotates! Thanks to the Foucault pendulum, we do not need to stare at the stars any longer to realize this, we can “visually feel” that the world revolves around its axis. This famous experiment revealed concretely for the first time a complex phenomenon driving us at any time.

Whoever knows Alicja Kwade will not be surprised to hear that such a device caught her attention a long time ago. Amongst a few other obsessions, Alicja Kwade is captivated by scientific problems and visual experiments. By manipulating objects, processes and concepts, she embraces physics questions and translates them into artistic issues in different ways.

For this installation, one could say that Alicja Kwade considered the Foucault pendulum as a “found item”, similar to elements in her sculptures, and she transformed it to create a new experiment, based on the historical one. We are also in a former high-ceilinged church, and there is a pendulum too. But at first glance, one can barely see what it is. A light bulb is swinging from a wire instead of the heavy ball. It is the only source of light in the church; its hypnotizing shadow dances on the walls, following the swing. This is a multisensory experiment: a microphone is fixed on this bulb, and the amplified unsettling sound of the friction reverberates in the darkness of the church. After a few minutes, one can observe some movement, the more obvious one being the circle that the bulb describes on the floor. But again, following the principle of the Foucault pendulum, the axis of oscillation of the bulb remains stable; it is the floor that is moving, and it reveals the Earth’s rotation.

By dramatizing the historical experiment and replacing the bob by a light bulb, Alicja Kwade literally highlights the striking observations of Foucault. She also brings them to a different level, in her own universe. One could see in this strange device a contemporary echo of vanity: the light (a classical symbol for life, knowledge, energy, ideas) going back and forth, the pendulum echoing the repeatability of things, while incredibly powerful forces are governing us. The destabilizing atmosphere created by the sound and the light reminds us that it is still vain to try to understand those forces. Some mysteries have no answer, “the world itself does not care, it just turns” says the artist. In this statement, we find one of Alicja Kwade’s obsessions[1]: everything from atoms to the universe is spinning around something, “like us circling around these questions”, she adds.

Last but decisive observation: the title of the installation, “Nach Osten“ (Facing East), comes from a specificity of this version of the Foucault pendulum. The bulb is too light to work as a proper “bob” and to interact with the inertial forces as in the original experience. This is the reason why the swinging movement here is electronically powered to turn against the direction of Earth’s rotation and precisely counterbalance the natural movement. The longer you remain in the space, the more you perceive the device’s permanent fight to maintain its equilibrium.

[1] see also “In Circles”, Alicja Kwade’s last solo show at Johann Koenig Gallery, February 18 - March 17, 2012


Alicja Kwade (*1979, Katowice, Polen) lives and works in Berlin.
Solo exhibitions (selection): Kunstmuseen Krefeld, Haus Esters, Germany (2013); Skulpturenpark Köln, Cologne (2013); Kunsthal 44 Møen, Denmark (2012); ZKM Karlsruhe, Germany (2011); Oldenburger Kunstverein, Germany (2011); Kestner Gesellschaft, Hanover, Germany (2010); Westfälischer Kunstverein, Münster, Germany (2010); Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin (2008).
Group exhibitions (selection): Palazzo Strozzi Fondazione, Florence, Italy (2013); Museum of Contemporary Art Detroit (2013); Palais de Tokyo, Paris (2012); K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Germany (2012, 2010); CCA Wattis Institute, San Francisco (2012); KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2012); Witte de With, Rotterdam, The Netherlands (2012); Kunstverein Hannover, Germany (2012, 2010); Bundeskunsthalle, Bonn, Germany (2010).
In 2010 Alicja Kwade received the Robert Jacobsen Prize and in 2008 the Piepenbrock Prize for Sculpture (2008).